Die neue "DSDS"-Jurorin Anja Lukaseder im Interview "Wir haben in diesem Business alle einen Knall"

Die vergangenen drei Monate wird Anja Lukaseder so schnell nicht vergessen. Knapp 29.000 Kandidaten, die von der großen Sangeskarriere träumen, galt es zu sichten, zu ermuntern, zu ermahnen, ein- oder auszuladen. Zur vierten Staffel der Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar", die am Mittwoch, 10. Januar, bei RTL startet, bewarben sich doppelt so viel Ruhmessüchtige wie beim letzten Mal. Die 39-jährige Musikmanagerin (Bro'Sis, Weather Girls) aus Würzburg ist die Neue im Juroren-Team von "DSDS" und wird als Nachfolgerin von Sylvia Kollek zusammen mit Dieter Bohlen und Heinz Henn über Musiker-Schicksale entscheiden. Im Interview spricht sie über den mangelnden Respekt gegenüber Casting-Gewinnern, ihre eigene Karriere und die Verrücktheit der Plattenindustrie.

teleschau: Frau Lukaseder, wie erklären Sie sich den anhaltenden Casting-Boom - schließlich hört man von den bisherigen Gewinnern nicht mehr viel?

Anja Lukaseder: Die Menschen glauben zu Recht an diese Show. Vielleicht sieht man Elli gerade nicht mehr in den Charts, aber sie macht weiter ihre Musik. Tobias Regner räumte einige Preise ab. Manchmal will ich einfach nicht verstehen, warum in Deutschland darüber so negativ gesprochen wird. In anderen Ländern geht man mit Gewinnern von Castings-Show viel besser um. Kelly Clarkson ist sogar nicht nur in den USA ein Star und erreichte ihren Erfolg über das gleiche Casting-Format (Anm. d. Red.: American Idol).

teleschau: Ist das ein typisch deutsches Phänomen?

Anja Lukaseder: Ja. Manchmal habe ich fast den Eindruck, dass wir ein Volk voller Neider sind. Am Anfang freut man sich noch, doch dann setzt eine Resignation ein. Auch die "Sex Pistols" wurden damals gecastet, nur wurde dies nicht im TV begleitet. Wenn man sich unter all diesen Mitbewerbern durchsetzt, dann muss einfach Talent vorhanden sein. Vielleicht kann es bei uns einmal Wirklichkeit werden, dass das Publikum die Künstler, die es selbst gewählt hat, auch nach der Sendung auf Händen trägt.

teleschau: Das erste Mal wurde für "DSDS" auf Mallorca gecastet ...

Anja Lukaseder: Das war sensationell! Auf Mallorca fand das erste der insgesamt acht Castings statt. Für mich war das der ideale Einstieg in die Geschichte, schöner hätte ich es nicht haben können. Wir saßen am Pool eines Luxushotels, die Küste und das Meer im Blickfeld. Natürlich gab es auch hier schräge Vögel, doch es waren auch richtig gute Leute dabei.

teleschau: Wie waren Ihre ersten Gehversuche als Jurymitglied?

Anja Lukaseder: Ich machte mir vor der Reise nach Mallorca viele Gedanken und fragte mich, ob ich die Richtige für den Job bin. Wahrscheinlich kann man das Ganze einfach Lampenfieber nennen. Ich wollte niemanden enttäuschen. Doch gleich nach der Ankunft waren alle Zweifel wie weggeblasen.

teleschau: Haben die Ohren oft bluten müssen?

Anja Lukaseder: Natürlich gab es auch diesmal Kandidaten, die nach fünf Minuten Ruhm suchten und denen es weniger um die Musik ging. Die wissen auch, dass sie nicht weiterkommen. Schwieriger wird es bei denen, die wirklich nicht singen können, aber glauben, sie könnten es. Die fangen an, mit dir zu diskutieren. Aber zum Glück gibt es immer wieder echte Talente. Es gab keinen Tag, an dem wir nicht schöne Stimmen entdeckten.

teleschau: Dieter Bohlen wählt immer die direkte Art, den Menschen mitzuteilen, wenn sie nicht singen können ...

Anja Lukaseder: Ich möchte hier definitiv eine Lanze für Dieter brechen. Er wird oft falsch interpretiert. Wenn er merkt, dass da ein psychisch labiler Mensch vor ihm steht, dann geht er mit diesem auch ganz anders um. Wir alle stellen uns auf die jeweiligen Leute ein.

teleschau: Saßen Sie vor "DSDS" schon einmal in einer Jury?

Anja Lukaseder: Nein. Das ist das erste Mal.

teleschau: Manche Entscheidungen der Jury-Mitglieder werden vom Publikum stark kritisiert. Das "Popstars"-Finale musste gar einige Minuten unterbrochen werden ...

Anja Lukaseder: Ich muss damit rechnen, dass die Leute mit mir nicht immer einer Meinung sein werden. Es ist und bleibt einfach eine Geschmackssache. Und das macht das Ganze so spannend.

teleschau: Gab es bei den Castings einen Trend zu beobachten?

Anja Lukaseder: Diesmal wurden wahnsinnig viele Songs von Kelly Clarkson gesungen. Ich kann die Titel wirklich nicht mehr hören. Vor allem muss man dafür eine gute Stimme haben - und die haben nur wenige. Was mich erstaunte war, dass die Menschen sich immer wieder große Songs aussuchen. Wenn ich bei der Jury überzeugen möchte, dann bürde ich mir doch keinen Mariah-Carey-Hit auf. Unverständlich ist mir auch, wenn Leute ein schlechtes Englisch haben und sich dann mit den Texten quälen. Es gibt genügend schöne deutsche Songs.

teleschau: Wie wurden Sie von den beiden Herren Bohlen und Henn aufgenommen?

Anja Lukaseder: Wirklich gut. Sie haben mir den Anfang leicht gemacht.

teleschau: Die beiden streiten auch gerne. Ihre Vorgängerin sah sich deshalb oft in der Vermittlerrolle. Ist das bei Ihnen ähnlich?

Anja Lukaseder: Nein. Ich habe meine Meinung, und die sage ich auch. Manchmal bin ich eben mit Dieter einer Meinung, manchmal mit Heinz.

teleschau: Wie haben Sie auf das Angebot von RTL reagiert?

Anja Lukaseder: Ich habe sofort zugesagt. Da ich mit Bro'Sis bereits eine Casting-Band als Managerin begleitete, ist es interessant für mich, nun einmal die andere Seite kennenzulernen. Außerdem bin ich einfach gerne mit jungen Leuten zusammen.

teleschau: Woran liegt es, dass sich unter anderem Bro'Sis in den Charts nicht dauerhaft durchsetzen konnten?

Anja Lukaseder: Das stimmt so nicht ganz. Die Jungs und Mädels haben vier Jahre lang hart gearbeitet. Auch wenn dann das dritte Album "nur noch" in den Top 30 war - sie haben gespielt. Natürlich war der Hype nicht mehr da. Die Karriere geht eigentlich erst dann los, wenn sich die erste Aufregung gelegt hat. Es kommt dann darauf an, sich live zu etablieren. Und das macht auch ein Tobias Regner im Moment. Du musst bereit sein, ein paar Schritte zurückzugehen.

teleschau: Mike Leon Grosch hat den Job für seinen Traum aufgegeben ...

Anja Lukaseder: Und hat einen Plattenvertrag bekommen. Aber es stimmt schon, viele haben ihr früheres Leben quasi beendet. Als Jury trägt man schon eine große Verantwortung.

teleschau: Sie werden in Zukunft von einem Millionenpublikum beobachtet. Haben Sie Sorge, in Zukunft selbst zum Star zu werden?

Anja Lukaseder: Als Managerin war ich immer sehr gerne nur im Hintergrund tätig. Das ist schon eine neue Situation für mich. Ich sagte immer zu meinen Künstlern: 'Ihr wisst, worauf ihr Euch da einlasst' - und jetzt muss ich mich an das Interesse der Öffentlichkeit gewöhnen. Aber zum "Star" avanciert man definitiv nicht, nur weil man als Jurorin bei "DSDS" dabei ist.

teleschau: Was macht jemanden zum Star?

Anja Lukaseder: Du solltest ganz einfach eine Rampensau sein und keine Angst haben. Die Bühne muss dir einen Kick verleihen. Als Künstler bist du quasi dazu verpflichtet, etwas verrückt zu sein. Ich glaube aber, dass dies auch für die Personen hinter den Kulissen zutrifft - wir haben in diesem Business alle einen Knall.

teleschau: Entspannend an der dritten Staffel war, dass kein Daniel-Küblböck-Verschnitt mit dabei war ...

Anja Lukaseder: Die Qualität hat angezogen. Gerade weil man gesehen hat, dass die letzten Vier der dritten Staffel gut waren, bewarben sich diesmal so viele Menschen. Dadurch wird das Format eine ganz andere Anerkennung erfahren. Und ich verspreche nicht zu viel, wenn ich sage, dass wir dieses Mal eine noch größere Auswahl an richtig guten Leuten dabei haben.

teleschau: Werden Sie den oder die Sieger/in managen?

Anja Lukaseder: Nein. Ich bin nur als Juror tätig. Aber natürlich werde ich jedem Kandidaten, der Rat sucht, gerne zur Seite stehen. Man sagt mir sowieso einen Mutter-Theresa-Komplex nach. Als die letzten Kandidaten beim Recall auf der Bühne standen, war ich bereits zu diesem Zeitpunkt richtig stolz auf unsere Schützlinge.

(teleschau - der mediendienst)